Einer von der Sonnenseite...

Auch wenn Raimund von Beckerath der letzte „Schlossherr“ auf Cracau war, bevor es am 21. Juni 1943 bei einem Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt wurde, war er, wie ihn der bekannte Krefelder Journalist und Schriftsteller Hugo Rütters nannte, einer von der Sonnenseite.

Illustration
Raimund von Beckerath

Raimund Franz Bruno von Beckerath wurde am 7. Mai 1866 in Krefeld geboren und war eines der sieben Kinder von Johannes Jacob von Beckerath und Louise geb. Schramm.

Er wuchs auf Cracau auf. Drei seiner Geschwister starben schon früh, Daniel bereits 22 Tage nach seiner Geburt im Jahre 1850, Ida Susanna im Alter von 5 Jahren im Jahre 1864 und Hugo Alexander 1878 im Alter von 22 Jahren. Der damalige Stand der Medizin forderte immer wieder seinen Preis. Die sehr genauen genealogischen Aufzeichnungen zeigen uns noch heute die relativ hohe Kindersterblichkeit und die erreichten Durchschnittsalter.

Sein Vater Johannes Jacob (1818 – 1895) leitete die Seidenfärberei Gebr. von Beckerath, die sich entlang der Cracauer Straße über die erst später gebaute Straße „Am Hohen Haus“ hinweg zog. Der „Patron“ führte natürlich im patriarchalischen Stil der Zeit. So werden im Familienarchiv einige herrliche Geschichten kolportiert, die sich tatsächlich zugetragen haben sollen, so zum Beispiel diese:

Nach alter Sitte hatte Raimunds Vater Johannes die Gewohnheit, morgens um 10 Uhr mit einer Flasche Korn durch die Färberei zu gehen, um jedem Färber einen einzuschütten. Eines Tages musste der Hof neu gepflastert werden und Johannes, der die Flasche unter dem Arm hatte, als er den Hof überquerte, sprach den Pflasterer an, natürlich auf Platt:

Illustration

„Wollt ihr auch een Körnche häbbe?“
„Ejoo, Herr von Beckerath!“
Johannes schenkte ihm ein Gläschen ein und der Pflasterer kippte mit einer solchen Geschwindigkeit herunter, dass der alte Herr seinen Spaß daran hatte und leutselig fragte:
„Noch eenen?“
„Ejoo, dann ben ech so frei!“
Auch der zweite verschwand mit gleicher Schnelligkeit. Da meinte Johannes:
„Ech verstonn neit, wie ihr dat schon so früh verdrage könnt. Wenn ech eene drink, dann kreij ech all ne rüede Kopp“
Darauf der Pflasterer: „Dat glöw ich wal, Här, wenn ihr in et Kantoor sött, dann steijt öch der Jeist na boove in dä Kopp. Bei mich ävver, bei’t pflastere, bück ech mech de janze Dag, und do jeit de Jeist all eiter eruut!“
Und hier noch eine weitere Geschichte:

Da damals Cracau noch nicht an die erst spärlich entwickelte Kanalisation angeschlossen war, kam alle vier Wochen der Bauer Kühnen vom „Kühnen-Zirkus“, dessen Hof am Weg zum Hülser Bruch lag, mit seiner Dampflokomobile, im Volksmund „Drietkanon“ genannt, nach Cracau, um die Grube zu entleeren und den Inhalt dann zur Düngung seiner Äcker zu verwenden. Johannes kommt wieder einmal über den Hof, wo der Bauer seiner sanitären Beschäftigung nachgeht. Hierbei entspinnt sich folgendes Gespräch:

Illustration

„Dag, Herr Kühnen! Wie jeht et?“
„Wie soll et jehn? Jut, Herr von Beckerath!“
Johannes: „Wie is et Jeschäft? Sit er tofriene?“
„Wal – mar den Driet he küss jet bruuner sin!“
Darauf Johannes erstaunt: „Ja – mein. Dat han ech noch neit jehoert. Muß mer jetz sojar den Driet, jenau wie die Sie (Seide) nach Färvmuster lievere?“

Raimund wuchs natürlich mit der Seidenfärberei auf. Der quicklebendige Junge wurde bei seinen Freunden „et Jöngke“ genannt, wohl weil er nicht sonderlich groß gewachsen war. Trotzdem diente er bei den Garde-Dragonern in Berlin und war später Reserveoffizier bei den Trierer Blauen Husaren, in Krefeld auch als „Tanzhusaren“ bekannt. Seine Ausbildung in der väterlichen Färberei wurde durch den Besuch der Krefelder Färbereischule und Praktika in Zürich, Wien, Como und Paris ergänzt. Er war also für die damalige Zeit schon weit gereist.

Raimund war dann bei Büschgens (der späteren TAG) tätig und machte sich 1908 mit einer Textil- und Garnvertretung selbstständig. Dieses Unternehmen gleichen Namens wurde später von seinen Söhnen Bruno (1898 – 1971) und Rudolf (1903 – 1972) und zuletzt von seinem Enkel Aurel von Beckerath, geb. 1944, geführt. Es existiert somit seit nun 110 Jahren.

Raimund war ein begnadeter Mundartdichter. Verse und Knitteldichtungen flossen ihm nur so aus der Feder. Hugo Rütters schrieb dazu: „Wenn man die Verse heute liest, sieht man ihn förmlich mit dem linken Auge plinkern, wie er es gerne tat, zumal wenn er sachte und klug die sichere Pointe heraus zu arbeiten versuchte.“

Einige Bücher und Manuskripte hat er hinterlassen obwohl vieles dem Bombenangriff zum Opfer fiel. In Neuauflagen von Büchern zur Krefelder Mundart sind aber selbst heute noch immer wieder Raimunds Gedichte zu finden.

Von seiner engen Verbundenheit mit der rheinischen Seele ist es kein weiter Weg zur Kunst. Neben seiner Sammelleidenschaft für alles Niederrheinische war er eine Musikerseele. Im Singverein und der Konzertgesellschaft waren er und seine Frau Paula geb. Zohlen (1871 – 1946) im Vorstand engagiert. Im Laufe der Jahre begrüßte man zahlreiche Künstler auf Cracau. Johannes Brahms weilte so manches Mal auf Cracau, wo viele Hauskonzerte gegeben wurden. Der Dirigent Prof. Hermann Abendroth ging bei ihnen ein und aus. Am Abend nach getaner Arbeit setzte sich Raimund oft an den Grotrian-Steinweg Flügel im großen Saal des Gebäudes und griff in die Tasten, um sich selbst zu begleiten, wenn er mit seinem Tenor Schubert, Wolff oder Löwe sang. Wenn er mit Paula abends ins Theater ging, wurde die Oper bereits vorher aus dem Klavierauszug gespielt und sich so schon musikalisch auf den Genuss vorbereitet.

Raimunds Freundeskreis war sehr groß. In der „Gesellschaft Verein“ war er Mitglied des „Kilometertisches“. Dieser Freundeskreis wurde in Otto Brües Roman „Der Silberkelch“ ausführlich beschrieben, wenn auch die Namen geändert wurden. Zum „Kilometertisch“ gehörten (hier die Originalnamen) Gustav Beckers, Teilhaber der Fa. G. Beckers & Le Hanne, die Färbereibesitzer Gustav Biermann, Adolf Büschgens, Hans Heisen, Gustav Hermes und Paul Overlack, die Rohseiden- und Baumwollhändler Franz Holstein, Karl Huenges, Hans Vetter und Willy Kempf, der Syndikus des Färbereiverbandes Gustav Holthausen, der Färbereidirektor Gustav ter Schüren, der Chefredakteur der Krefelder Zeitung Ernst Brües sowie der Apotheker Fritz Hieronymus.

Im Sommer wurde die Veranda und die Terasse von Cracau viel benutzt. Kaffeeschlachten und Stüttchen-Wettessen fanden hier statt.

Raimunds Onkel Adolf von Beckerath war ein genialer und sehr bekannter Kunstsammler in Berlin. Er hatte dort eine Rohseiden-Großhandlung gegründet und war, zeitlebens alleinstehend, zu beträchtlichem Vermögen gekommen. Häufige Einkaufsreisen nach Italien hatten ihn zu einem Liebhaber und Kenner alt-italienischer und Renaissance-Kunstgegenstände gemacht. Seine Sammlung von Majolika und de la Robbias war weltbekannt. Als er Ende 1915 starb, hinterließ er seine Sammlung im Wert von rund 2 Mio. Goldmark. Es fand eine große Versteigerung in dem bekannten Kunstauktionshaus Lebke in Berlin statt. Auch das Kaiser-Wilhelm-Museum ersteigerte wertvolle Fayencen und Möbel. Viele der Kunstgegenstände wurden dann auch auf Cracau gezeigt, dessen großer Saal von 1916 bis 1943 in ein wahres Museum verwandelt wurde. All dies ging in der großen Bombennacht unter.

Bemerkenswert ist auch Raimunds Wanderlust. Er, der früher immer wieder die Alpen und den Schwarzwald durchstreift hatte, entwickelte sich schließlich zum Entdecker der Wankumer Heide. Samstag für Samstag zog er los mit Rucksack, Havelock, Knotenstock und einem Lodenhütchen. So ging es durch Gewitter und Sturm, durch Schnee und Regen, durch die Milde des Frühlings und die Hitze des Sommers. Hugo Rütters schrieb nach Raimunds Tod über ihn:

„Und während wir so dieses sonnenhellen, fröhlichen und kunstbegeisterten Menschenkindes gedenken, blüht – wie denn anders – eine Melodie in unserem Herzen auf. Karl Löwe ersann sie, und Theodor Fontane hat uns den Vers dazu geschrieben: „Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat so liebt wie du…“ Leb wohl, glücklicher Wanderer und zeige denen dort im Elysium, dass man nicht im alten Athen geboren zu sein braucht, um dennoch griechisches Maß und olympische Heiterkeit in vollem Akkord zusammenklingen zu lassen. In Krefeld geht’s auch.“

Raimund von Beckerath starb am 24. Mai 1942 und musste den Untergang seines geliebten Cracau in der Bombennacht vom 21. Juni 1943 nicht mehr miterleben. Am 11. Januar 1944 ging nochmals ein schwerer Bombenhagel auf Krefeld nieder, der mit einigen Sprengbomben die Ruinen von Cracau restlos dem Erdboden gleichmachte.

Heute, nach über 70 Jahren, erinnert nur noch das Hohe Haus an Cracau. Es ist im gleichen Stil und mit dem gleichen Baumaterial errichtet worden und hat den Krieg wunderbarerweise überlebt. Wer jedoch weiß, wie viel Geld vor einigen Jahren in die Renovierung und Sicherung des Gebäudes investiert werden musste, kann sich denken, wie viel Geld wohl eine Renovierung und Restrukturierung Cracauens gekostet hätte, wenn es den Krieg überlebt hätte. So sah das gesamte Grundstück um 1900 aus bevor die von-Beckerath-Straße, der von-Beckerath-Platz, die Bogenstraße und die Straße Am Hohen Haus angelegt wurden.

Illustration

Michael von Beckerath
unter Verwendung von Texten und Bildern aus dem Buch „Erinnerungen an Cracau“ von Bruno von Beckerath und Texten von Hugo Rütters